Vegas, Baby! Sechs Tage und Nächte haben wir in der Stadt der Casinos, Shows und Stripperinnen verbracht. Am ersten Tag habe ich allein den berühmten Strip erkundet. Unser Hotel war ein recht beeindruckender Nachbau der wichtigsten Wahrzeichen von New York City inklusive Achterbahn – daher sein Name, New York New York. Man kann es nicht oft genug sagen. Über eine Brücke mit originalgetreuen Zinnen, die übrigens einen prächtigen Ausblick auf den rettenden Highway stadtauswärts bot, ging es hinüber ins Excalibur. Die Nachbildung einer mittelalterlichen Burg mit märchenhaft bunten Türmen hat eine ziemlich coole Arcadehalle im Untergeschoss und war in unserer letzten Nacht deutlich günstiger als das New York New York, daher haben wir sie dort verbracht und kamen in den Genuss einer nächtlichen Aussicht, die malerisch mit unseren Zimmerlampen verschmolz.
Schlafen, essen, feiern, zocken, shoppen – das Casino als Lebensmittelpunkt auf Zeit
Die beiden Hotels liegen fast ganz am südlichen Ende des Strips, also bin ich erstmal Richtung Norden gewandert. Erste Erkenntnis: Man unterschätzt die Entfernungen total, weil man zwar fast alle großen Gebäude von überall aus sehen kann, es ist jedoch kaum möglich einfach mal die Straße zu überqueren. Stattdessen wird man über eine Rolltreppe auf eine Fußgängerbrücke über die mehrspurige Fahrbahn geleitet. Wenn man Glück hat, findet man auf der anderen Seite direkt wieder den Weg nach unten, ansonsten landet man schnell mal mitten im nächsten Hotelkomplex und verläuft sich hoffnungslos zwischen Spielautomaten, Touristen und Einkaufsmeilen. Hat man es dann – mit den Nerven am Ende, aber voller neuer Eindrücke – wieder auf die normale Straße geschafft, wird man alle paar Schritte aufgehalten durch Bettler mit den absurdesten Begründungen für ihren Geldmangel, Promoter, die einem Partyflyer und Gutscheine vor die Nase halten, und das ein oder andere Fotomotiv.



Man muss sich auf jeden Fall bewusst sein, dass Vegas niemals still steht. Menschenmassen, dauerblinkende Lichter, konstante Hintergrundmusik und Partyvolk muss man ertragen können. Auf den zweiten Blick hat Vegas neben dem ganzen Trubel definitiv seine ganz eigene, wenn auch künstliche Schönheit. Architektonisch betrachtet gibt die Stadt eine Menge her und wenn man mal den Strip an sich verlässt, entdeckt man durchaus ruhigere Ecken und Kuriositäten wie einen Cupcake ATM und die Postkartenwand im Titelbild. Ich muss sagen, dass mein Eindruck von Las Vegas nach dem ersten Tag überraschend positiv war. Klar, es ist erstmal verwirrend, wenn man schon am Flughafen zwischen Flieger und Gepäckband und dann auf dem Weg zum Check-in-Schalter im Hotel ein Casino durchquert, aber irgendwie hat es auch was. Sobald man sich etwas an den Dauerpartytrubel gewöhnt hat, kann man einen Blick für die durchaus schönen Seiten der Stadt entwickeln. Vor allem die Architektur hat mir wahnsinnig gut gefallen. Pyramide, Eiffelturm und New York sind ja bekannte Klassiker, aber verschachtelte Gebäude, faszinierende Spiegelungen in Glasfassaden und Plastikschutzwänden sowie Flachbildschirme, die meterhoch in den Himmel ragen, haben mich umso mehr begeistert.



„Hey, where are you from? Let’s have a drink!“
Nach stundenlangem Fußmarsch habe ich dann doch mal eine Pause gemacht. Auf einer Bank neben dem dezent kitschigen Fake-Venedig bin ich mit einem Mädel von der Ostküste ins Gespräch gekommen, das vor Kurzem nach Vegas gezogen ist. Spontan sind wir noch zusammen in eine Bar gegangen und haben festgestellt, dass Drinks hier erstens ziemlich überteuert sind und amerikanische Türsteher auch bei Deutschen einen Führerschein deutlich bevorzugen – mit meinem normalen Personalausweis konnte er nicht viel anfangen. Daher empfehle ich jedem, der einen Führerschein besitzt, den auch stets mitzunehmen. In Vegas habe ich zum ersten Mal auf unserer Reise versucht, neue Leute kennenzulernen. In einer Facebookgruppe für Locals habe ich wirklich viele gute Tipps bekommen, was sehenswert ist, wo ich Busverbindungen nachschauen kann und wo die Einheimischen eben hingehen – offensichtlich nicht auf den Strip. Einfach jemanden auf der Straße anzuquatschen hat sich jedoch am meisten bewährt. Nach Einbruch der Dunkelheit in der umgebenden Wüste ist Las Vegas immer noch so hell und laut, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Zu zweit sind wir durch überraschend ruhige Seitenstraßen und über Hotelparkplätze gelaufen, vorbei am malerischen, aber gnadenlos überteuerten Riesenrad bis zu den bunten Fontänen vor dem Bellagio Hotel. Dieser spontane, witzige Mädelsabend war rückblickend einer der magischsten Momente der ganzen Reise – wenn man mal allein loszieht und einfach offen ist, erlebt man die schönsten Dinge.
Welcome to Fabulous Las Vegas!
An den nächsten Tagen haben mein Freund und ich wieder zu zweit die Stadt erkundet. Der alte Strip in der Fremont Street ist auf jeden Fall sehenswert, zwar auch sehr touristisch und glitzernd, aber deutlich ruhiger. Hier findet man unter anderem einen Heart Attack Grill mit einer großen Waage davor – wer mindestens 350 Pfund (knapp 160kg) wiegt, darf gratis und ohne Limit die sogenannten Bypass Burgers futtern. Lust auf ein paar Zaubertricks? Gegen einen kleinen Tip kann man dabei sein, wenn Straßenkünstler Geldscheine aus Zitronen auftauchen lassen. Auf dem Weg in dieses Stadtviertel sieht man teilweise leerstehende Gebäude – tatsächlich gehen auch in Vegas mal Hotels pleite. Ob diese zu abgelegen waren, einfach schlecht geführt wurden oder ob die Glanzzeiten der Spielerstadt schlicht vorbei sind, bleibt offen.



Ein paar Minuten Fußmarsch vom südlichen Ende des neuen Strips entfernt findet man das berühmte, aber überraschend schlichte Schild, das einen in „Fabulous Las Vegas“ willkommen heißt – man muss nur dem Schild zum Schild folgen. Anstatt uns mit in die Schlange zu reihen, die für ein Selfie davor anstand, fand ich es amüsanter, diese Menschentraube mit ihren gezückten Kameras mit aufs Bild zu bringen – ganz ehrlich, so sehenswert ist das Schild echt nicht. Wenigstens hat die alte Innenstadt auch eins.



Wer in Vegas ein bisschen Natur vermisst, sollte einen Abstecher in den kleinen Park des Flamingo-Hotels wagen. Neben den Namensgebern trifft man hier auch bunte Kois, Enten, Kolibris, andere Vögel und Enten an. Noch mehr Romantik gefällig? Die kleine Kapelle zwischen Palmen ist nur eine von vielen, in denen in Vegas geheiratet werden kann. In manchen Hotels muss man nur den menschenleeren Gängen folgen um eine zu finden, allerdings waren alle abgesperrt und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Zum Thema Hochzeit in Vegas: Über die Webseite igotmarriedinvegasjk.com kann man die spontane Traumhochzeit mit allem Drum und Dran faken – the more you know.
Shows gehören wohl irgendwie zur Vegas Experience dazu. Also haben wir uns an einem der Straßenstände vergünstigte Tickets geholt, ein Mal für die Blue Man Group und am nächsten Abend für David Copperfield. Zwei sehr unterschiedliche Konzepte, die uns beide begeistert haben. Mir persönlich hat Copperfields Magie dennoch eine Spur besser gefallen – noch Stunden später habe ich gerätselt, ob die Frau im roten Kleid nun eine Schauspielerin war oder nicht.
Eine interessante Randerscheinung in der Stadt der Casinos und Stripclubs sind übrigens die religiösen Fanatiker, die an Straßenecken wild ihre Schilder drehen und gegen die Sünde wettern – Erfolgsquote unbekannt. An dieser Stelle noch ein paar Eindrücke von imposanten Hotels, die den Strip säumen. Wirklich gesehen hat man sie aber nur, wenn man sich mindestens ein Mal selbst drin verlaufen hat.


Gezockt haben wir natürlich auch ein bisschen. An den ersten Tagen habe ich durchweg verloren, am letzten Tag hatte ich dann doch noch eine Glückssträhne beim Roulette und konnte glücklich und guten Gewissens mit fünf Dollar Gewinn das Casino verlassen. Grundsätzlich rate ich von den Slot Machines eher ab, weil man da wirklich keinen Einfluss hat, Roulette z.B. kann aber durchaus Spaß machen und geübte Spieler können auch an einem der Pokertische mit professionellem Dealer und ernst dreinguckenden Teilnehmern ihr Glück versuchen. Wenn Kellnerinnen vorbeikommen und Drinks anbieten, gilt es ein paar Dollar Trinkgeld zu geben – dann kommen sie wieder und man kommt deutlich günstiger weg als an der Bar.
Fun Fact: Dass New York ein äußerst beliebtes Motiv in Las Vegas ist, ist nicht zu übersehen. Wer daraus ein Spiel machen möchte, kann gezielt auf die Suche nach Freiheitsstatuen in allen erdenklichen Formen und Farben gehen. Zum Beispiel in der M&Ms-World oder bei Hershey’s…



Nächstes Mal steht auch die Natur um Vegas auf dem Plan
Ursprünglich hatten wir vor, von Vegas aus den Grand Canyon und Bryce Canyon nördlich davon zu besichtigen. Leider waren organisierte Touren gnadenlos überteuert und die Stadt selbst hatte doch so viel zu bieten, dass uns die Zeit fehlte, ein Auto zu mieten und uns richtig auf die Natur einzulassen. Schon zu dem Zeitpunkt haben wir beschlossen, bald nochmal herzukommen. Dieser Plan hat sich im Lauf der Reise schnell gefestigt, denn in den USA gibt es unendlich schöne Landschaften zu entdecken, für die ein Tagesausflug einfach viel zu oberflächlich ist. Wer auf die Canyons nicht verzichten will, sollte also frühzeitig planen und sich wirklich Zeit dafür nehmen, anstatt nur für ein Selfie über den Skywalk zu laufen.
Mein Fazit zu Las Vegas: Ja, die Stadt ist einen Besuch wert und nein, es ist nicht nur Glitzer und Show. Auch ganz normale Leute wohnen hier, zwischen Marilyn Monroe-Lookalikes und Hip Hop-Performern schlafen Obdachlose auf der Straße und die Nachbauten von berühmten Orten wie New York, Paris und Venedig sind durchaus beeindruckend. Ansonsten gilt nach wie vor: What happens in Vegas, stays in Vegas.







